„Herr Kanter, drücka Sie uf die Urgel, die kumma, die kumma!“
1923 – als vor mehr als 80 Jahren der Gemischte Chor von Groß-Kniegnitz entstand

Liebe Groß-Kniegnitzer Heimatfreunde!

Vom „Gemischten Chor von Groß-Kniegnitz zu schreiben, das war schon lange ein stiller Wunsch von mir - nur, ich hatte ja, wie bei allen meinen Berichten, auch bei diesem Thema keine persönlichen Erinnerungen, auf die ich hätte zurückgreifen können. Und wieder einmal, als hätte sie es geahnt, kam mir unsere in Sachen Groß-Kniegnitz so sehr erfahrene Heimatfreundin, Frau Hildegard Wende zu Hilfe, indem sie dieses Thema aufgriff – entstanden ist, nachdem es noch ergänzt wurde durch unsere Heimatfreundin Dorothea Winter geb. Dehmelt, dieser Bericht vom Gemischten Chor in Groß-Kniegnitz, den ich Ihnen hiermit vorstellen möchte. Damit, und das ist mir sehr wichtig, haben wir ein weiteres Mosaiksteinchen dem Gesamtbild von Dorfgemeinschaft und kulturellem Leben in unserer Heimatgemeinde zugefügt und damit auch dieses Kapitel für die Zukunft festgehalten. Dies sicherlich zu Ihrer aller Freude und zur Freude von Hildegard Wende! Und was würde sich unser leider schon so früh verstorbener Heimatfreund Ernst Ponert wieder freuen über diesen Bericht, hatte er mich doch immer wieder angestossen, alles noch einmal aufzuschreiben! „Wenn Du es nicht tust, dann tut es keiner mehr!“, das waren damals seine Worte. Und ich bin mir sicher, dass Herr Hauptlehrer Ernst Zöfelt, der im Mittelpunkt des Berichtes stehen wird, grosse Freude an diesem Bericht gehabt hätte, setze ich doch seine Chronistentätigkeit so ein bisschen fort, wenn auch auf meine Art. Ganz zu schweigen von den Bildern, die ich mit diesem Bericht veröffentliche, und die mir von Herrn Dr. Bernhard Zöfelt, Sohn von Ernst Zöfelt, zur Verfügung gestellt werden. Als diese Aufnahmen gemacht wurden, konnte noch niemand erahnen, dass sie einmal in der „Hohen Eule“ im Rahmen eines Berichtes sowie auf unserer homepage veröffentlicht würden.

Unsere Hildegard Wende ist ja wohl die älteste Groß-Kniegnitzerin, die auf einen unschätzbar wichtigen Wissensfundus um unser Heimatdorf zurückblicken kann, zumal sie auch vieles weiß, was wir, die „Jüngeren“, nicht mehr wissen können. Dafür sind wir sehr dankbar.

Doch nun zum Gemischten Chor. Dieser Chor dürfte 1923 entstanden sein, also vor 81 Jahren, als Familie Zöfelt nach Groß-Kniegnitz zog. Herr Zöfelt löste damals den Vorgänger, Herrn Pätzold, ab, der zu dieser Zeit Hauptlehrer und Organist in Groß-Kniegnitz gewesen war. In der Zeit von Hauptlehrer Pätzold gab es bereits einen Chor, den dieser leitete. Durch den Wechsel in der Person des Hauptlehrers und Organisten und damit auch in der Person des Chorleiters blieben einige Sänger weg, andere, vorwiegend jüngere Mitglieder kamen aber wieder hinzu, und so hatte Herr Zöfelt doch einen guten Start als Chorleiter in Groß-Kniegnitz.

Der Chor bestand aus Sopran-, Alt-, Bass- und Tenorstimmen. Da es in den dörflichen Regionen in dieser Zeit nahezu nichts an Unterhaltung gab, ging man doch sehr gerne zum Singen. Herr Zöfelt verstand es, des Singens und der Notenlehre unkundige Menschen zum Singen anzuleiten, man kann durchaus sagen, dass er bei den Menschen die Sangeslust erweckte. Die Chorproben fanden regelmässig einmal in der Woche statt, und zwar jeweils am Donnerstag. Abgehalten wurden die Chorproben in der ersten Etage der alten Schule. Zwei Stunden wurde dann intensiv geprobt. Nach der Erinnerung von Hildegard Wende sangen etwa 8 – 10 Sopranstimmen, 4 Altstimmen, 2-3 Tenorstimmen und 2 Bassstimmen im Chor. Es wurde ein vielseitigen Liedgut – dem Kirchenjahr entsprechend – erarbeitet. Nach den Erinnerungen wurden unter anderem folgende kirchlichen und weltlichen Lieder gesungen:
„Und in dem Schneegebirge“, „Kein schöner Land“, auch Kanon’s, „Lobe den Herren“, „Der Herr ist mein getreuer Hirt“, im Advent: „Macht hoch die Tür“, „Es ist ein Ros‘ entsprungen“, und viele Lieder mehr. Das Notenmaterial bezog Herr Zöfelt vermutlich von einem Verlag in Breslau. Abgehalten wurden die Chorproben, wie bereits erwähnt, in der „Alten Schule“, im Klassenraum in der ersten Etage, wo auch Herr Zöfelt unterrichtete.

Unterstützt wurde das Einstudieren der Chorlieder durch ein Harmonium, welches von Herrn Zöfelt gespielt wurde.

Interessant war es übrigens immer nach den Chorproben. Man stand beisammen und es wurde erzählt, was man so erlebt hatte und was es so neues gab. Keiner dachte an den Nachhauseweg.

An den Feiertagen und zu festlichen Anlässen hatte der Chor dann seinen grossen Auftritt.

Es war übrigens in der damaligen Zeit mangels anderer Unterhaltung und Abwechslung im täglichen Leben so, dass die Schulabgängerinnen sehr gerne dem Chor beitraten. Aber für manche der jungen Damen des Dorfes, die gerne mitgesungen hätte, begannen die Zeit der Lehre oder der Arbeit, und so war ein Beitritt zum Chor nicht immer möglich.

Zu den Aufgaben des Chores gehörte es natürlich, bei besonderen Gottesdiensten zu singen., ebenso bei Familienfesten, wie Hochzeiten, Taufen und natürlich auch bei Beerdigungen, wenn dies der Wunsch der Familie war. Die Familien gaben dann dem Chor für die gesangliche Umrahmung dieser Feierlichkeiten einen kleinen Betrag. Interessant auch, dass der Chor bei Beerdigungen nicht nur bei der Trauerfeier auf dem Friedhof, sondern auch bereits im Trauerhaus und beim Trauerzug durch das Dorf zum Friedhof einige Liedverse sang, am Grab sang er dann wiederum.

Als Herr Pastor Klose ins Pfarrhaus einzog und die Schlüsselübergabe war, hat der Chor auch mit Herrn Zöfelt gesungen. Der Jahrgang 1936 waren übrigens seine ersten Konfirmanden. Und Frau Klose leitete fortan eine Gruppe junger Mädchen, die konfirmiert waren. Diese Gruppe traf sich jeden Monat. Es wurde gesungen, vorgelesen, Themen wurden besprochen. In dieser Runde ging es heiter und nett zu. Und Edith Mikesky sowie Dorothea Dehmelt halfen Frau Klose kurz vor dem ersten Advent immer, die Adventskränze zu binden.

 

Hauptlehrer Zöfelt verstand es sehr gut. Das Singen interessant zu gestalten, indem er nicht nur ständig wechselndes, sondern auch neues Liedgut anbot, was den Chor bei guter Stimmung hielt.

Es ist nicht mehr bekannt, ob Herr Zöfelt es einführte, jedenfalls war folgendes üblich: Herr Zöfelt unterrichtete die I. Schulklasse, d.h.: die letzten 2-3 Schuljahre. Die Mädchen dieser Klasse wurden als „Singemädchen“ in 2 Gruppen eingeteilt. Diese beiden Gruppen mussten im Wechsel miteinander 14-tägig sonntags auf der Orgelempore zur Verstärkung der Gemeinde im Gottesdienst mitsingen. Nach den Erinnerungen von Hildegard Wende funktionierte dies bestens! Zu den Mädchen, die mitsingen mussten gehörte auch unsere Heimatfreundin Dorothea Winter geb. Dehmelt, als sie damals in die erste Klasse zu Herrn Zöfelt kam. Es wurde Buch darüber geführt, wer nicht erschien! Wenn der Gemischte Chor nicht zugegen war, sangen die „Singemädchen“ auch bei den Beerdigungen.

Meine Tante Lotte, geborene Rauer, Ehefrau von Alfred Wuttke, beide leider schon verstorben, sang auch in diesem Chor mit. Ihm gehörten auch Tischlermeister Hermann, Ernst Jahndel und zeitweise Herr Tillner aus Senitz an. Beständigkeiten waren aber aus vielerlei Gründen nicht immer möglich, manches änderte sich im Laufe der Zeit.

Herr Zöfelt organisierte, wenn es möglich war, auch den einen oder anderen Ausflug mit dem Chor. Nach den Erinnerungen von Hildegard Wende ging es einmal auch ins Riesengebirge. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln war es fast nicht möglich, an einem Tag hin und wieder nach Hause zurück zu kommen. Busse waren noch unbekannt. Unser Dorfmitbewohner Herr Pietsch hatte jedoch einen LKW, mit der er die Milch in die Molkerei fuhr. Dieses Gefährt wurde für die Personenbeförderung umfunktioniert, indem im LKW rundherum Bretter als Sitze angebracht wurden, und so ging es dann los, mit Rucksack, Feldflasche und Broten, damit der Ausflug nicht zu teuer wurde.

Unsere Heimatfreundin Dorothea Winter geb. Dehmelt berichtete noch folgende Begebenheit:
„Mit 14 Jahren durfte auch ich dann im Gemischten Chor mitsingen, was mir viel Freude bereitete. Gerne ging ich jeweils am Donnerstag zu den Proben. Ganz besonders schön fand ich an den Festtagen den grossen Lobgesang:
„ Wir loben dich, wir benedeien dich, wir beten dich an, wir preisen dich, wir sagen Dank!“

Die Trauungen in unserer Kirche in Groß-Kniegnitz waren auch immer sehr feierlich. Ich erinnere mich, Frau Graner beobachtete, wenn das Brautpaar kam, dann rief sie durch das kleine Fenster neben der Orgel: Herr Kanter, drücka Sie uf die Urgel, die kumma, die kumma! Wenn dann das Brautpaar den ersten Schritt in die Kirche setzte, erklang die Orgel“.
Soweit Dorothea Winter geb. Dehmelt.

Männlicher Nachwuchs für den Chor war nicht da, denn die Zeit brachte viele Veränderungen mit sich. Herr Zöfelt hat den Chor bis zuletzt zusammengehalten. Soweit möglich, wurde gesungen. Als Herr Zöfelt zum Volkssturm einberufen wurde, endete auch die Geschichte des Gemischten Chores von Groß-Kniegnitz, der ein Stückchen des kulturellen Lebens in unserem Dorf, ein Stückchen Dorfgeschichte und ein Stückchen Gemeinschaftspflege zwischen den Dorfbewohnern, ein in der damaligen Zeit sehr wichtiger Aspekt im Zusammenleben innerhalb des Dorfes, darstellte.

Mein Dank gilt unserer Heimatfreundin, Frau Dorothea Winter geb. Dehmelt, die heute noch gerne singt, und zwar im Kirchenchor in Stuttgart.

Besonders herzlich danke ich an dieser Stelle unserer Heimatfreundin, Frau Hildegard Wende. Ohne ihre Hilfe wäre es mir nicht möglich gewesen, diesen Bericht zu verfassen, aber mit ihrer Hilfe ist es mir gelungen, dieses Stückchen Heimatgeschichte aus Groß-Kniegnitz festzuhalten. Und Hildegard Wende, sie sang natürlich auch in diesem Gemischten Chor in Groß-Kniegnitz. Noch heute ist sie dem Chorsingen sehr verbunden, sie singt in ihrer jetzigen Heimatstadt Lübeck noch in drei Chören und hat grosse Freude daran. Wöchentlich besucht sie 2-3 Chorproben. Sie singt in den Chören aber nicht nur zur eigenen Freude, sondern auch bei entsprechenden Auftritten zur Freude der Mitmenschen, besonders dann, wenn es Auftritte in Altersheimen sind, wo sich die alten Menschen einmal über eine Abwechslung im Heimleben freuen können.

Dem füge ich nur hinzu: “Hut ab, liebe Hildegard, vor so viel Lebensmut. Lebensstärke und Lebensfreude; die Du Dir und anderen gibst!“

In meinem Poesiealbum hat einmal eine Klassenkameradin folgendes niedergeschrieben:

„Hab‘ ein Lied auf den Lippen,
verlier‘ nie den Mut,
hab‘ Freude im Herzen
und alles wird gut!“

In diesem Sinne grüsse ich Dich, liebe Hildegard, alle Heimatfreunde sowie alle Leserinnen und Leser der Homepage!

Wilfried Urbach