Die Korbmacher von Grosskniegnitz

 

In unserem Heimatdorf Groß-Kniegnitz waren auch zwei Korbmacher ansässig. es handelte sich um Karl Geisler und um den Büttner-Paul. Beide Korbmachereien wurden als Familienbetriebe geführt. Im Ortsplan zu finden sind sie wie folgt: Karl Geisler unter Nr. 68, Büttner-Paul unter Nr. 108.

 

Mit diesem Bericht möchte ich das alte Handwerk der Korbmacher darstellen und damit gleichzeitig an unsere beiden Korbmacher mit ihren Familien erinnern.

 

Im ersten Teil meines Berichtes möchte ich jedoch zunächst den Beruf des Korbmachers und Korbflechters darstellen.

 

Die Fachkenntnisse, die ich für diesen Bericht benötigte, vermittelte mir Herr Dieter Deringer, Bahnhofstr. 8, 72419 Neufra/Hohenzollern. Herr Deringer ist seit Gründung seiner Werkstatt 1989 als Korbflechter und Kunsthandwerker tätig und fertigt und bietet Körbe und Geflechte aus eigener Fertigung an. Er flechtet die traditionellen Formen in den ursprünglichen Flechttechniken und gestaltet über das traditionelle Handwerk hinaus Körbe und Geflechte nach den Wünschen seiner Kunden, wobei durch das Zusammenwirken von Farb- und Formgebung immer wieder ausgefallene Unikate entstehen, die durch solide handwerkliche Arbeit Gebrauchswert und lange Lebensdauer garantieren. Mit diesem Handwerk erarbeitet er sich, wie es bereits früher bei unseren Korbmachern in Groß-Kniegnitz auch der Fall war, seinen Lebensunterhalt. Er bietet aber auch Kurse an und ist im Direktverkauf auch auf Messen, Ausstellungen und Kunsthandwerkermärkten vertreten Auf einem solchen Kunsthandwerkermarkt lernten wir uns kennen. Heimatfreunde und Leser der “Hohen Eule” die in der Nähe leben, sind herzlich von ihm eingeladen, sich zu einem Besuch anzumelden.

 

Über den Beruf des Korbmachers und des Korbflechtens vermittelte mir Herr Deringer folgendes Berufsbild bzw. Fachwissen, welches ich durch Lesen einschlägiger Fachliteratur ergänzte:

 

Unter Korbmacher oder Korbflechter versteht man die Hersteller von geflochtenen Körben und Korbwaren. Das gebräuchliche Material für dieselbe sind Weidenruten, namentlich diejenigen der Korbweide, Salix viminalis; viel seltener finden Spanisches Rohr, Bambus usw. Verwendung. Durch eigenen Anbau verschiedener Weidensorten steht dem Korbmacher zum Flechten eine breite Palette von Weidenruten und damit auch von verschiedenen natürlichen Farben zur Verfügung.

Die Weidenruten werden im Frühjahr oder besser im Herbst geschnitten und entweder samt der Rinde (nur für grobe Körbe) oder geschält verwendet. Verarbeitet werden gerne geschälte weiße Weiden sowie gekochte und geschälte rotbraune Weiden. Heute, so erzählte mir Herr Deringer, erfolgt der Anbau der Weiden nach ökologischen Kriterien ohne Einsatz von Kunstdünger oder chemischen Giften. Und, was besonders wichtig ist, bei der gesamten Verar-beitung entsteht kein Anfall, der nicht mehr verwertbar wäre!

 

Das Schälen geschieht stets in frischem Zustand, weil sonst infolge des Austrocknens die Rinde sich mit dem Holz verbindet. Zum Schälen bedient man sich der sog. Klemme, einer aus zwei elastischen Schenkeln bestehenden hölzernen oder eisernen Zange, durch welche die eingeklemmten Nuten hindurch gezogen werden, wobei die Rinde aufspringt und sich so leicht entfernen lässt. Hierauf werden die Ruten rasch getrocknet, damit sie nicht ihre weiße Farbe verlieren; in dieser Weise vorbereitet, können sie mehrere Jahre aufbewahrt werden. Durch Einlegen in Wasser erhalten sie ihre ursprüngliche Zähigkeit wieder und sind alsdann zum Flechten geeignet.

 

Für feinere Flechtarbeiten werden die Ruten gespalten und gehobelt, so dass sie die Form von Bändchen annehmen. Zum Zerspalten der Ruten bedient man sich des Klöbers oder Reißers, ein kleines Holzstöckchen, welches am oberen Ende mehrere keilförmige Schneiden besitzt, über die man die Rute hinweg zieht. Der Korbmacherhobel besteht im wesentlichen aus einem breiten Messer, das auf einem Holzklotz mit ebener Glas- oder Metallplatte stellbar befestigt ist und schräg gegen die Platte steht. Das Arbeitsstück wird wiederholt abwärts, der Schneide entgegen, gezogen. Um auch eine gleichmäßige Breite zu erhalten, wird der sog. Schmaler angewendet, der in seiner einfachsten Gestalt aus zwei in einem Klotz vertikal befestigten Klingen besteht, die mit ihren Schneiden so nahe aneinander stehen, als es der beabsichtigten Breite des Arbeitsstücks entspricht. In ganz ähnlicher Weise wird das Spanische Rohr zugerichtet.

 

Das Flechten eines Korbes beginnt stets mit der Bildung des Bodens. Dann kommt meist eine Form, d.h. ein hölzernes Modell von der inneren Gestalt des Korbes, zur Anwendung, sowie ein einfaches Gestell (Maschine), auf welchem die Form stellbar befestigt wird. Außerdem benutzt der Korbmacher flache Brettchen (Stöpfel) von der Gestalt des Bodens, die mittels einer Verlängerung gleichfalls auf dem erwähnten Gestell befestigt werden können und zur richtigen Bildung der Seitenwände dienen. Im allgemeinen ist die Art des Geflechts mancherlei willkürlichen Abänderungen unterworfen. Große Körbe werden gewöhnlich ohne die angeführten Hilfsmittel (Form, Stöpfel und Maschine) hergestellt. Die fertigen Körbe werden, falls sie aus geschälten Ruten bestehen, gewaschen oder in einem Kasten, in welchem etws Schwefel verbrannt wird, gebleicht.

 

Die Korbflechterei ist bisher noch fast ausschließlich dem Handwerk und der Hausindustrie verblieben, jedoch ist die Produktion keine konzentrierte, da das Versenden der sperrigen Waren unrentabel ist. Deutschland führte 1892 nur 490 t im Werte von 216.000 Mark (also nur geringwertige Ware) ein, dagegen führte es 1166,5 t im Werte von 2,8 Mill. Mark aus.

 

Früher kannte man auch Korbflechtschulen. Es waren Anstalten, welche bezweckten, sowohl der Bevölkerung industriearmer Bezirke, insbesondere während der Wintermonate, Arbeit und Verdienst zu verschaffen, als auch zum Anbau der Korbweide anzuregen und dadurch zur grö?eren Ertragsfähigkeit wenig fruchtbarer Landstriche beizutragen. Eine der ältesten, zugleich die bedeutendste Korbflechtschule befand sich zu Hainsberg (Bezirk Aachen) seit 1876; außerdem bestanden solche in Grävenwiesbach (Taunus), Bettingen und Daum (Kreis Bitburg), Westerburg (Westerwald), Ruppertshofen (Lahnkreis), Gersfeld (Hohe Rhön), Orson (Bezirk Düsseldorf), Gehland (Westpreußen), Schurgast (Schlesien). Der Erlös der verkauften Arbeiten beläuft sich z.B bei der Hainsberger Schule auf etwa 40.000 Mark pro Jahr. Sachsen besitzt in Struppen und Postelwitz (Sächsische Schweiz) zwei mit

 

Hausindustrieschulen verbundene Korbflechtwerkstätten. Baden besoldete übrigens seinerzeit aus Staatsmitteln einen Wanderlehrer für Korbflechterei.

 

Wie bereits erwähnt, hie? einer der beiden Korbmacher, die in unserem Dorfe lebten, Karl Geisler. Einst zugezogen, war Karl Geisler eigentlich kein gebürtiger Groß-Kniegnitzer. jedoch galt er als angesehener und korrekter Dorfbewohner, war verheiratet und hatte drei Kinder. Dieser Beruf als Korbmacher (er war Korbmachermeister) hatte er auch, sicherlich bedingt durch eine ausgeprägte Sehschwäche, ergriffen. Die von ihm hergestellten Korbwaren verkaufte er im Dorfe, in den bäuerlichen Betrieben war ja reichlich Bedarf an Körben aller Art. Auch gehörte die Ausbesserung und Instandsetzung beschädigter Körbe zu seinem Handwerk. Diese Reparaturarbeiten waren sicherlich eine erträgliche Einnahmequelle, zumal zur damaligen Zeit, im Gegensatz zu heute, ein Gegenstand erst weggelegt wurde, wenn wirklich nichts mehr zu reparieren war.

 

Im Dorf wurden überwiegend Körbe gebraucht für die Nutzung in der Landwirtschaft bzw. landwirtschaftlichen Arbeiten. Es gab u.a.

•  den “Viertelkorb” , ca. 30 Pfund bzw. 15 kg Inhalt, Viertelkörbe brauchte man zum “Kartoffelnklauben” auf dem Feld,

•  den “Zentnerkorb” , ca. 50 kg, wurden auf dem Hof gebraucht, z.B. Kartoffeln tragen, Viehfutter transportieren, usw.,

•  den “Spreukorb” , grö?er als der Zentnerkorb, wurde gebraucht, um Spreu von der Dreschmaschine auf den Spreuboden zu schleppen, Spreugebläse waren damals noch nicht überall vorhanden.

Auf Wunsch wurden natürlich auch andere Größen und Formen gefertigt.

 

Die Familie selbst bewirtschaftete nur zur Deckung des Eigenbedarfs etwas Land, hielt zwei bis drei Ziegen sowie etwas Federvieh wie Gänse und Hühner. Frau Geisler half gelegentlich bei den Bauern aus. Zum Lebensunterhalt trugen auch die Einnahmen aus der Vermietung eines Zimmers im Hause bei.Im Dorf selbst war er “der Geisler-Korrle” oder “Kolle”. Besonders bekannt war Karl Geisler auch als unser “Dorfpoet”. Bei Festen und Feiern zu verschiedensten Anlässen erfreute er die Dorfgemeinschaft mit seinen eigenen Gedichten, die er auch selbst zum besten gab. Karl Geisler lebte nach der Vertreibung in Ostenfelde/Westfalen. Er dürfte etwa in den fünfziger Jahren verstorben sein. Erhalten geblieben ist uns sein wunderbares Gedicht über unseren Heimatort, welches den Titel

“Erinnerung an Groß-Kniegnitz”

trägt. Dieses Gedicht finden wir auch in der Einleitung zur Dokumentation über Groß-Kniegnitz. Es beschreibt die Sehnsucht der Menschen nach ihrer alten Heimat mit dem Schlußsatz sehr treffend: " Nach der Heimat möcht`ich wieder!"

 

Weil dieses Gedicht in unserer wunderschönen Heimatsprache abgefasst ist, möchte ich es an dieser Stelle noch einmal Ihnen allen verinnerlichen:

 

“Erinnerung an Groß-Kniegnitz”

von Karl Geisler, Ostenfelde

 

Imrahmt vo Ronchwitz, Prau? und Mollsche, vo Sämts,

Quansdurf und vo Strache, vo Ruthschloß, Korzen und Kurtwitz,

do liegt a Durf, dos he?t Gruß-Kniegnitz.

 

Vo Osten hin, noch Westen zu gelegen,

geschützt is es vo a Sämzer Bergen.

Vo der Madritzki, vom Eechberg und vo a Höllalöchern,

Blitzobleiter goab`s och welche uff moncha Dächern.

 

Aber zum Schutze woar doas noch zu wenig,

denn Gruß-Kniegnitz hotte och noch senn egena Keenig.

Für Ordnung und Ruhe erhalt er,

dofür hotte gesurgt, als Bürgermeester, der Adolph Walter.

 

Eene schiene Kirche goab`s, die stont ei des Durfes Mitte,

wu der Pastor Klose noch omtierte.

 

Zwee Schulen, drei Lehrer woren eim Ort,

der Hauptlehrer Zöfelt hotte die Leitung dort.

 

Verschiedene Vereine toaten och hier sein,

die Feuerwehr, der Fußball- u. der Kameradenverein.

Die Spor- u. Darlehnskasse mit beschränkter Haft,

do goab`s noch die elektrische Genossenschaft.

 

A gruß Dominium goab es och,

der Amtsroat Rohde kofte su monch Bauergutt uuf.

zu dar Bewirtschoftung dar Gütter oller,

do hoatte ar eigestellt dan Inspektor Galler.

 

Assistenten, Schoffer und Schweizer ei`m Stolle,

ei der Stellmacherei hantierten der Stieglitz-Herme und der

Reimann-Korle!

 

Eene Brennerei woar och gleich neben onn,

der Klawitter als Brenner, sei Nachfolger woar der Kawan.

 

Beim Ausgange vom Hofe links, kom eene Sehenswürdigket zu Gesicht,

denn on der Stroße,

do stonden nämlich a poar gruße Heffen Edelmist!

 

 

Ooch enn Steenbruch goabs früher, woas mer heute die Steegrube nennen,

uff dam Berge toat ma olle Joahre doas Johannisfeuer obbrennen.

 

Glei darneben woar die Matritzki, wu ei Winters-Mitten,

die Kinder runter fuhr`n, mit ihra Schlitten.

Wetter links ging ma ei a Eechberg nei,

haußen om Rande, woar ne schiene Aussicht ei`s Freie!

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Bei`m Eingange gleich ma zum Förstergroab koam,

wetterhin woar gleich der Hexaploan.

 

Derno koam ma zum St. Paulus, bei dann grußen Eechen,

bei der Postenecke vorbei, ganz hinga toat ma die Strachauer

Grenze errechen.

 

Die Ufsicht über a Eechberg, die hotte der Gellrich Oswald,

dem sei ganzes Leben dem Eechberge gallt.

Wemm eim Frühjoahr toat der Springuff blüh`n,

do toat der Oswald a ganza Sunntich nich aus dam Pusche gieh`n.

•   

 

 

•  Ar kunnte doas Gelärme und doas Getratsche nie leiden,

ar meente, die täten ihm doas ganze Wild vertreiben!

 

Ar woar immer a Jäger, bluß wenig toat a traffen,

aber für`s Wild, do surgte ar, doas es eim Winter woas hotte zu

frassen.

Woar aber doas Hulzschloon zu Ende und die Hulzauktion vorbei,

lief a glei anderntags noch Prauß, mit dam Gelde,

und dar Oswald fühlte sich wieder "Frei"!

 

Uff heemzu, do kehrte ar ei jedes Wirtshaus amol ei,

und schwer beloaden koam a dann zu seener Ernestine heim.

 

Nun ruh`n die beeden Alten schunn so monches Joahr ei Gottes Frieden,

wir olle, wir sein nun vo ihnen geschieden.

Mit wehmütigem Herzen und traurigem Blick,

denken wir a su uft oan Grußkniegnitz und oan a Eechberg zurück!

 

Auch heute gilt unserer geliebten teuren Heimat unser Gruß!

doch ehe ich nu kumme zum Schlu?,

wulln wir noch singen, liebe Schwestern und liebe Brüder,

zusammen doas scheene Lied:

Nach der Heimat möcht`ich wieder!"

 

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Von unserem zweiten Korbmacher, dem Büttner-Paul waren leider keine weiteren Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Einige Groß-Kniegnitzer erinnern sich aber an Frieda Büttner, die mit ihnen zur Schule ging.

Herzlich danke ich unserer Heimatfreundin Hildegard Wende für ihre Hilfe.

 

Noch einmal an unsere beiden Korbmacher in Groß-Kniegnitz zu erinnern und in diesem Zusammenhang den Beruf des Korbmachers darzustellen, das war Sinn dieses Berichtes. Ich hoffe, dass Sie, liebe Groß-Kniegnitzer Heimatfreunde, viel Freude haben an diesem Bericht.