Von Urenkeln, Enkeln und Urgroßvätern

Vier Generationen der Familien Klawitter und Pietsch im Unterdorf

 

Als ich einen Brief von Frau Elke Stahl aus Schwäbisch Hall erhielt, ahnte ich weder, wer Frau Stahl war, noch, wie ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu Groß-Kniegnitz sind. Das wurde mir jedoch sehr schnell klar, als ich mich in ihre Zeilen vertiefte.

Frau Stahl ist die Tochter von Frau Traudel Timpert und damit eine Ur-Enkelin von Oskar Pietsch.

Und was sie mir berichtete, das war in meinen Augen ein völlig selbstverständlicher und legitimer Wunsch, nämlich im Hause der Großeltern und Urgroßeltern ein- und auszugehen! „Natürlich und nichts aussergewöhnliches“, das werden auch Sie zunächst einmal sagen, liebe Leserinnen und Leser!

Jedoch, so selbstverständlich war das nicht in den langen Jahren nach Flucht und Vertreibung aus dem Heimatdorf in Schlesien, wie es ja auch die Groß-Kniegnitzerinnen und Groß-Kniegnitzer am eigenen Leibe bitter erfahren haben. Besonders schlimm war diese Zeit, das wissen die Groß-Kniegnitzer alle, insbesondere auch für unsere Elisabeth Zaplotna, die, obwohl im eigenen Hause lebend, viele Jahre eine Fremde in der eigenen Heimat war. Wir alle wissen das aus ihren eigenen mündlichen Berichten über diese Zeit.

 

Die politische Wende in Europa und das Zuwenden der östlichen Nachbarn zu Europa erleichterten dann so langsam wieder die Besuchsmöglichkeiten in die alten Heimat. Zwar waren diese Besuche besonders in ihren Anfängen von Vorsicht, gegenseitigem Misstrauen und gegenseitiger Skepsis begleitet, hatte doch insbesondere die östliche Politik nichts unversucht gelassen, das Trennende zu zementieren.

 

Doch die Menschen waren sehr viel schneller weiter als die Politik und natürlich nicht jeder, aber viele von Ihnen, liebe Heimatfreunde aus dem ehemaligen Kreis Reichenbach, haben dies auch in gleicher Art und Weise erlebt. Ich kenne viele Berichte von Menschen, die genau dies berichteten. Oft berichteten mir dies gerade auch die Groß-Kniegnitzer und Groß-Kniegnitzerinnen, die Dorf und Hof besuchten und meist herzlich aufgenommen wurden im Hause ihrer Kindheit und Jugend. Und oftmals entstanden dadurch auch Freundschaften zwischen den ehemaligen deutschen Bewohnern und den jetzigen polnischen Bewohnern. Ein klares Zeichen also, dass die Menschen schon weiter sind als die Politik es zu sein vermag. Dies gerade auch in unserer jetzigen Zeit, wenn man die Politik etwas beobachtet.

 

Und dass die Menschen gerade auch in unserem Heimatdorf gut miteinander und mit der Vergangenheit umgehen können, darauf möchte ich heute aufgrund des eingangs erwähnten Briefes von Frau Stahl eingehen, hier am Beispiel der Familien Klawitter und Pietsch.

 

Im Unterdorf von Groß-Kniegnitz lebten die Familien Pietsch und Klawitter. Wenn Sie auf den Ortsplan von Groß-Kniegnitz, der in unserer Dokumentation über Groß-Kniegnitz abgebildet ist, schauen, finden Sie die Familie unter der Nr. 119, Pietsch, Oskar, Kurt und Erich. Familie Pietsch waren die Nachbarn zu meinen Großeltern Selma und Hermann Wuttke. Meine Mutter Frieda Wuttke und Hilda Pietsch, später verheiratete Krause, waren miteinander befreundet. Wie Sie in meinem letzten Freundesbrief 2006 gelesen haben, ist Hildegard Pietsch 2006 verstorben. An dieser Stelle möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass meine Mutter und Hildegard Pitsch stets Kontakt miteinander hatten, dies hauptsächlich telefonisch. Hilda lebte lange Jahre in München.

 

 

Über diese beiden Familien möchte ich nun zunächst berichten.

Da sind zunächst einmal die Ahnen der Familie, wie sie aus unserer Dokumentation über Groß-Kniegnitz zu entnehmen sind. Hier sind Vorfahren benannt, nämlich Friedrich Pietsch, evangelisch, Handelsmann, geboren in Groß-Kniegnitz; Ehefrau war Pauline Pietsch geb. Eckhold, evangelisch, Töchter waren Ida Emma, geboren am 19.10.1874 in Groß-Kniegnitz und Auguste Emilie, geboren am 04.08.1876. Sohn war Oskar Pietsch, geboren am 7.1.1893.

 

Womit wir bei Oskar Pietsch angekommen wären. Oskar Pietsch ist, wie oben dargestellt, am 7.1.1893 geboren und war gelernter Zimmermann. Er war verheiratet mit Elisabeth Kindler, geboren am 22.7.1882 in Neuhof, Krs. Münsterberg. Sie starb jedoch bereits im Sommer 1923. Daher betrieb Oskar Pietsch bis zur Vertreibung die kleine Landwirtschaft mit Hilfe aller Kinder. Oskar Pietsch bewirtschaftete gemäß der Zusammenstellung der landwirtschaftlichen Besitzungen, erstellt von den Herren Franz Groetzky und Richard Mikesky, zu finden in unserer Dokumentation über Groß-Kniegnitz, 8 Morgen Land. Angebaut wurden vor allem Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln, zudem wurde Gras- u. Heuwirtschaft betrieben. An Tieren gab es auf dem Hof zeitweise Pferde, Schweine, Ziegen und Hühner, Gänse, zuletzt eine Kuh.

Oskar und Elsbeth hatten 7 Kinder, zwei Jungen und 5 Mädchen. Dies waren Else, geboren am 18.08.1906, später verheiratete Klawitter; Klara, später verheiratete Nulle (Elektrogeschäft); Frieda, später verheiratete Heinze; Hildegard, geboren 12.08.1918, später verheiratete Krause. Ein Sohn hieß Erich Pietsch, geboren am 12.08.1916. Erich hatte Friseur gelernt. Nach der Vertreibung lebte er zuletzt in Umkirch im Schwarzwald. Mit ihm hatte ich öfters Telefonkontakt. Er ist vor einigen Jahren verstorben.

 

Dann war dann noch das Kind Gretel Pietsch. Sie lebte vom 4.10.1912 bis 2.12.1918 und starb laut mündlicher Überlieferung an den Folgen eines Sturzes. Bei einem Besuch im Juni 2005 in Groß-Kniegnitz fanden die Angehörigen die Stelle des Begräbnisses wieder; der Grabstein konnte zwar gefunden, die Inschrift aber nicht mehr gelesen, sondern nur noch ertastet werden.

 

Der zweite Sohn war Kurt Pietsch, geboren 1908. Über Kurt Pietsch schrieb schon Ernst Ponert in seinem Artikel

„Groß-Kniegnitz im Nimptscher Land“:

„Der Herr Pietsch kaufte früher von den Bauern die Butter und die Eier, um sie in der Großstadt wieder zu verkaufen. Nachdem die Milch aber in den Molkereien abgeliefert werden musste, sammelte er mit einem Lastauto die vollen Milchkannen ein und brachte sie in eine Molkerei.“

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Nun zu den Töchtern des Oskar Pietsch. Eine der Töchter hieß, wie bereits erwähnt, Else. Diese war am 18.08.06 in Schönbrunn Krs. Strehlen geboren und starb am 30.03.1990 in Dorsten, NRW. Bis zu ihrer Eheschließung lebte sie im Hause ihrer Eltern in Groß-Kniegnitz. Sie heiratete Herrn Hans Klawitter, geboren am 29.12.04 in Groß-Kniegnitz, verstorben an 23.12.66. Geheiratet haben Else und Hans Klawitter am 20.07.1930 in Brückenberg, Krs. Hirschberg, in der Kirche Wang. Die Eltern von Hans Klawitter waren Franz Robert Klawitter und Clara Maria Antonia Klawitter, beide in Großkniegnitz lebend.

Hans Klawitter war Lehrer. Nach dem Besuch des Lehrerseminars legte er am 24.03.1926 die erste Lehrerprüfung ab, wurde daraufhin von der Regierung nach Ostpreußen an die Volksschule in Andreischken berufen. Aus der Ehe mit Else Klawitter gingen 3 Kinder hervor, dies waren neben Dieter, geboren 16.09.1940 und Gisela, geboren 21.06.1938 auch Irmtraud Klawitter, geboren am 04.05.1934. Nach der zweiten Lehrerprüfung am 20.06.1933 wurde er von der Regierung in Breslau in seine Heimat Schlesien zurückgerufen. Bis zu seiner Einberufung zum Wehrdienst im Jahre 1939 amtierte er in Neumittelwalde/Schlesien. Bei Kriegsausbruch wurde er Soldat und geriet 1945 in russische Gefangenschaft. Im April 1948 kehrte er heim und fand seine Familie in Warendorf/Westfalen wieder. Am 01.10.1948 nahm er seine Lehrertätigkeit an der Martin-Luther-Schule in Dorsten auf und wurde am 04.05.56 zum Konrektor an der Wilheln-Schule in Holsterhausen ernannt. Im September 1961 betraute ihn der Regierungspräsident mit der Kommisarischen Verwaltung der Rektorenstelle an der Hermann-Claudius-Schule II in Hamm/Marl, wo er am 01.03.1962 als Rektor eingeführt wurde. Bald danach zog er mit seinen Schülern in die neu errichtete Käthe-Kollwitz-Schule im Hamm um, wo er auch in Ausübung seines Amtes vom Tode überrascht wurde.

 

Über Hans Klawitter sind wir also jetzt bei dessen Tochter, Frau Irmtraud „Traudel“ Timpert, angelangt. Irmtraud heiratete am 11.06.1962, heute lebt sie mit ihrem Ehemann Heinz Timpert in Dorsten in Westfalen. Aus dieser Ehe ging auch Tochter Elke, heute mit Nachnamen „Stahl“, hervor. Sie, liebe Leser, erinnern sich, Elke Stahl bzw. ihr eingangs genannter Brief war der Auslöser zu diesem Bericht.

Mutter Irmtraud Timpert geborene Klawitter reiste bereits 1986 mit ihrer damals 80-jährigen Mutter Else Klawitter nach Groß-Kniegnitz, um die alte Heimat zu besuchen und um nach Dorf und Anwesen zu sehen. Bereits 1988 wiederholte Irmtraud Timpert diese Reise mit ihrer oben erwähnten Tochter Elke. Elke gefiel die schlesische Heimat ihrer Mutter so gut, dass sie diese Reise gleich zwei Mal wiederholte.

Vor kurzem erhielt ich, wie niedergeschrieben, einen Brief von der Tochter Elke Stahl. Dieser Brief bewies mir wiederum die Richtigkeit meiner eingangs erläuterten These, dass die Menschen schneller zusammenfinden und Trennendes überwinden können, als dies die Politik vermag.

 

Frau Stahl berichtete mir:

„Lieber Herr Urbach!

Ich sende Ihnen ein Foto, auf diesem Foto ist ein Teil der Familie Gorska, nämlich Dorota Gorska und ihr Sohn Andrzey, zu sehen, daneben Raimund Zaplotny. Aufgenommen wurde es auf unserer Terrasse in Schwäbisch Hall. Frau Gorska lebt mit ihrem Mann und zwei weiteren Kindern in Groß-Kniegnitz in dem Haus, in dem meine Großmutter, Else Klawitter geb. Pietsch, aufgewachsen ist. Familie Gorska hat das Haus gekauft und inzwischen renoviert. Der Garten um das Haus herum und zum „Wuttke-Teich“ hin befindet sich in einem Top-Zustand! Dorota und Sohn Andrzey waren in der Zeit vom 05.07. bis 20.07.2006 zu Besuch bei uns in Schwäbisch Hall. Dieser Besuch hatte folgenden Hintergrund:

Kennen gelernt haben wir die Familie Gorska bei unserem Besuch in Groß-Kniegnitz im Mai/Juni 2002. Wir wurden sehr freundlich empfangen und hatten die Möglichkeit, das ganze Haus zu besichtigen. Elisabeth Zaplotna hat übersetzt. Von da an standen wir in losem Briefkontakt, der deshalb möglich war, weil ich eine polnisch-stämmige Arbeitskollegin habe, die meine und Frau Gorska's Briefe übersetzte. Da die Gorska-Kinder in der Schule deutsch lernen, hatte ich nach unserem Besuch in Groß-Kniegnitz 2005 die Idee, dass Andrzey für einige Zeit bei uns wohnen und mit meinem Sohn Leonard, der ähnlich alt ist, zusammen in die Schule gehen und damit seine Deutsch-Kenntnisse verbessern könnte. Die Schule war einverstanden, aber Andrzey wollte ungern alleine kommen und auch nicht so lange bleiben. Deshalb hat seine Mutter ihn begleitet. Da ich glaubte, dass eine übersetzerische Hilfe nicht schaden könnte, luden wir Raimund Zaplotny für ein Wochenende ein. Von seinem Besuch bei uns stammt das beigefügte Foto. Wie sich dann aber herausstellte, haben Familie Gorska und wir uns auch ohne jede Übersetzung sehr gut verstanden. Geredet wurde mit Händen und Füßen und einem deutsch-polnischen Wörterbuch und das ging ausgezeichnet. Es waren ausgesprochen schöne, harmonische und kommunikative Tage, die nur viel zu schnell vorbei waren und der Abschied ist beiden Seiten schwer gefallen. Die beiden Jungen haben sich wie Brüder gefühlt! Wir werden voraussichtlich im nächsten Jahr einen Gegenbesuch starten.

Mich freut es jedenfalls sehr, dass ein solcher Kontakt nach allen Ereignissen im Rahmen des 2. Weltkrieges nunmehr möglich ist. Und ich frage mich oft, was meine Großmutter sagen würde, wenn sie wüsste, dass ihr Urenkel im Haus ihrer eigenen Kindheit ein und aus gehen kann!“

Viele Grüße-------Elke Stahl geb. Timpert

 

Liebe Groß-Kniegnitzer und Kreis-Reichenbacher Heimatfreunde, besonders auch dieser Brief belegt das, was wir als Großkniegnitzer Gemeinde bereits bei unseren beiden Besuchen in Groß-Kniegnitz 1995 und 1998 bewiesen haben: Dass wir in der Lage und willens sind, Trennendes zu überwinden und auf die Menschen, die jetzt in unserem Heimatdorf leben, zuzugehen. Auch die Nachkommen der Familien Pietsch/Klawitter haben dies in hervorragender Art und Weise bewiesen.

 

Zum Abschluss meines Berichtes das Familienbild Pietsch/Klawitter im Hinblick auf Leonard , den Sohn von Elke Stahl:

 

Ur-Urgroßeltern: Oskar Pietsch und Elisabeth Klara Pietsch geb. Kindler

Urgroßeltern: Else Klawitter geb. Pietsch und Hans Klawitter

Großeltern: Irmtraud Timpert geb. Klawitter mit ihrem jetzigen Ehemann

Mutter: Elke Stahl

Ur-Ur-Enkelkind zu Oskar Pietsch und Ur-Enkel zu Else Klawitter: Leonard

 

Zur Abrundung des Gesamtberichtes möchte ich noch auf folgendes eingehen:

Wie ist Familie Pietsch in unserer Dokumentation über Groß-Kniegnitz vertreten? In der Mitte etwa des ersten Bandes finden wir eine Seite mit 2 Bildern vom Wohnhaus Pietsch, zunächst ein Bild aus etwa 1922 mit dem Wohnhaus, 2 Pferden im Tor, dabei sind Oskar und Elsbeth Pietsch sowie vier der sechs Kinder der Familie; zwischen den Pferden steht Kurt Pietsch, auf dem Pferd sitzt Erich Pietsch, vor den Eltern steht Hilda Pietsch, neben dem Vater Klara Pietsch.

Das zweite Bild stammt aus 1942 und zeigt ebenfalls das Wohnhaus Pietsch, das in Form einer Postkarte von Oskar Pietsch an Tochter Else in Neumittelwalde gesandt wurde.

 

Des Interesses halber möchte ich noch erwähnen: Der Großvater väterlicherseits von Frau Traudel Timpert, Herr Robert Klawitter, war der Brennereiverwalter auf dem Rohde-Gut.

 

Hat Ihnen, liebe Heimatfreunde aus Groß-Kniegnitz, auch dieser Bericht wieder gefallen? Darüber würden sich alle, die Familienangehörigen und die Nachkommen aus der Linie Pietsch/Klawitter, sowie auch Frau Elke Stahl als Schreiberin des Briefes und Sohn Leonard als betroffener Akteur, die Familie Gorska aus Groß-Kniegnitz, und natürlich auch ich, sehr freuen!!

 

In diesem Sinne grüßt Sie

Ihr

Wilfried Urbach

 

Pietsch-Haus - aufgenommen ca. 1930-35