Die Schuhmacher von Grosskniegnitz

 

Liebe Groß-Kniegnitzer Heimatfreunde, liebe Leserinnen und Leser der Homepage über Groß-Kniegnitz

 

Heute möchte ich an das alte und doch auch heute noch so junge Handwerk der Schuhmacher erinnern und auch daran, daß einst auch in unserem Heimatdorf Familien lebten, die ihren Lebensunterhalt oder Teile ihres Lebensunterhaltes aus diesem Erwerbszweig verdienten. Über diese Mitbewohner in unserem Dorf möchte ich später berichten. Zunächst jedoch möchte ich über den Beruf des Schumachers allgemein berichten und dazu einige Abbildungen veröffentlichen.

 

In einem alten Lexikon ist über „Schuhmacher“ zu lesen: „Ein Handwerker, welcher die Fußbekleidung herstellt“. Den esten Hinweis über eine Vereinigung von Schuhmachern finden wir in einer Urkunde eines Erzbischofs aus Magdeburg aus dem Jahre 1157. Seit 1883 bestand mit Sitz in Berlin ein Schuhmacher-Innungsverband mit 180 Innungen und 20.000 Mitgliedern, ferner gab es für Gesellen einen „Unterstützungsverein Deutscher Schuhmacher“, zudem entstand eine „Zentralkrankenkasse der Schuhmacher Deutschlands“! In Schuhmacherfachschulen wurden die jungen Schuhmacher in den wichtigsten Arbeiten ihres Berufs ausgebildet. Diese Fachschulen wurden z.T. privat geführt, teils waren es auch Innungsfachschulen. Insgesamt gab es 24 Innungsfachschulen, eine davon auch in Breslau und in Liegnitz. Die in späteren Jahren aufkommende Schuhwarenfabrikation, d.h. die fabrikmässige Herstellung von Schuhwerk, hatte große Wachstumsraten zu verzeichnen, verdrängte die handwerksmässige Schuhmacherei und damit auch die kleinen Schuhmacher-Familienbetriebe.

 

Nun möchte ich über unsere Schuhmacher und Schuhmacherbetriebe in Groß-Kniegnitz zu berichten. Schuhmacher in unserem Dorf waren : Bruno Lüthi, Max Geisler und Max Ulrich. Im Ortsplan über Groß-Kniegnitz finden wir Bruno Lüthi unter Nr. 105, Max Geisler unter Nr. 102 und Max Ulrich unter Nr. 57.

 

Nun im einzelnen zu unseren Schuhmachern und Schuhmacherbetrieben in Groß-Kniegnitz:

Da war zunächst unser Schuhmacher Bruno Lüthi , Vater von Elli und Kurt Lüthi, die heute in der Schweiz leben. Bruno Lüthi war geboren am 06.09.1905 in Steinsdorf, Kreis Goldberg-Haynau und hat seine Lehre in Liegnitz absolviert. Im Jahre 1928 heiratete er Frieda Wilhelm aus Groß-Kniegnitz. Sie nahmen ihren Wohnsitz bei den Eltern, nämlich Paul Wilhelm und richteten dort auch eine bescheidene Werkstatt ein. In dieser Werkstatt stand dann auch eine Pritsche, sie war etwa 20-30 cm vom Fußboden erhöht. Diese Pritsche stand unterm Fenster, denn Tageslicht war sehr wichtig, weil nahezu alles Handarbeit war. Auf dieser Pritsche stand ein niedriger Tisch mit verschiedenen Werkzeugen, wie Hammer, Messer, Zange, Raspel und vieles mehr. Weiter befanden sich dort die Behältnisse für die verschiedenen Nägel.

Der Schemel, ein Eisenfuß und ein Lederriemen waren zum Besohlen der Schuhe wichtig. An der Wand befand sich ein Regal mit verschiedenen Holzleisten. Eine Schuhmacher-Nähmaschine und eine Presse vervollständigten die Einrichtung der bescheidenen Schuhmacher-Werkstatt.

Es wurden hauptsächlich Arbeitsschuhe, Stiefel und Kinderschuhe besohlt sowie Absätze repariert. Für Leute, die normale Schuhe nicht tragen konnten, wurden auch Maß-Schuhe angefertigt.

Die Familie zog später in das Hilbich-Haus um, wo etwas mehr Platz war. Dort wurden dann auch neue Schuh, Stiefel und Hausschuhe verkauft. Ein Laden bestand jedoch nicht, der Schuhverkauf wurde in der Werkstatt getätigt. Die neuen Schuhwaren bezog Schuster Lüthi aus den Schuhfabriken in Pirmasens. In Breslau fanden Schuhmessen statt, dann besuchte die Familie mit den Kindern Hans und Elli diese Messe. Interessant für die Eltern, aufregend für die Kinder war das schon!

Während der Kriegszeit beschäftigte Schuhmacher Lüthi einen polnischen und später einen belgischen Schuhmacher. Die Reparatur von ein paar Schuhen, Sohlen und Absätze, kostete zur damaligen Zeit je nach Arbeitsaufwand etwa 2,- Mark bis 2,50 Mark.

Da die Familie die schweizerische Staatsbürgerschaft hatte, musste Vater Lüthi nicht in den Krieg. Bei Beerdigungen im Dorf wurden die Männer, die zu Hause arbeitete, so auch Schuhmacher Lüthi, als Sargträger aufgeboten. Direkter Nachbarn waren Sattlermeister Wende, der gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte, ein weiterer Nachbar war Schneidermeister Lukas, der im Puder-Haus wohnte.

 

Diese drei Herren, Schuhmacher Lüthi, Sattlermeister Wende sowie Schneidermeister Lukas, alles Herren aus ehrbaren Handwerksberufen, spielten sehr gerne zusammen Schach! Wenn immer es die Zeit erlaubte, trafen sie sich bei Meister Wende, um eine Partie zu spielen. Doch die Arbeit der Familie beschränkte sich nicht nur auf den Schuhmacherbetrieb. Wenn die Zeit der Ernte war, und Heu und Getreide eingebracht werden mussten, war die gesamte Familie bei Großvater Paul Wilhelm im Ernteeinsatz.

Schuhmacher in unserem Dorf war auch Max Geisler. Max Geisler wurde geboren am 10.08.1888. Er war verheiratet mit Ida Geisler, geb. Vogel. Das Ehepaar hatte einen Sohn, der im 2. Weltkrieg gefallen ist, sowie 2 Mädchen, die verstorben sind. Verwandt waren sie mit Familie Witowski. Während der Kriegszeit war ein belgischer Helfer in der Werkstatt tätig. Schuhmacher Geisler stellte neue Schuhe und neue Stiefel her und reparierte Stiefel und Schuhwerk. Viele Bauern ließen bei ihm arbeiten. Mit dem Fahrrad fuhr er auch in die umliegenden Dörfer, um Reperaturaufträge abzuholen oder repariertes Schuhwerk abzuliefern. Eine Stube in der Wohnung diente als Werkstatt. Nach dem Kriege wurde die Familie nach Bautzen ausgesiedelt. Frau Geisler wurde 90 Jahre alt.

Einen weiteren Schuhmacherbetrieb fanden wir bei Familie Ulrich . Bereits um etwa 1880 unterhielt Ernst Ulrich, Vater von Max Ulrich und Großvater von Grete Scherbarth, als Schuhmachermeister einen selbständigen Schuhmacherbetrieb. Er wohnte im Haus Nr. 74. Ernst Ulrich wird als ein sehr tüchtiger Schuhmachermeister beschrieben, er hatte stets einen Gesellen und auch Lehrlinge beschäftigt. Ernst Ulrich war auch der Großvater von der uns allen bekannten Scherbarth-Grete. Sie hat das Haus des Großvaters später übernommen. Grete Scherbarth blieb nach Ende des Krieges im Heimatdorf. Sie starb erst vor wenigen Jahren. Vielen ehemaligen Nachbarn sind die Familien Ulrich sowie Scherbarth-Grete gut bekannt, man ging dort aus und ein und erlebte so viele Dinge mit.

Der Sohn von Ernst Ulrich, Max Ulrich, geboren etwa 1880, war ebenfalls Schuhmachermeister. Er führte einen eigenen selbständigen Schuhmacherbetrieb und wohnte im Haus Nr. 57.

Auch der Enkel von Ernst Ulrich, Max Ulrich (namensgleich mit dem Vater) war auch von Beruf Schuhmacher und arbeitete zeitweise im Betrieb des Vaters. Übe den weiteren Verbleib von Max Ulrich (jr.) ist nichts bekannt, da die Familie durch den Krieg auseinander gerissen wurden.

In einem alten Branchen-Fernsprechbuch „Niederschlesien“ taucht unter „Schuhmacher“ zudem noch folgender Name auf: Nieder, P. Der Name „Nieder“ wiederum taucht im Ortsverzeichnis unter Nr. 90 auf. Schuhmacher Paul Nieder wohnte bei seiner Mutter in der Schäferei im Maigut. Er war damals noch sehr jung und fing erst an, sich eine Existenz aufzubauen. 1960 trafen Heimatfreunde Paul Nieder in Kiel wieder, wo er eine eigene Werkstatt besaß und als Schuhmacher arbeitete.

Der Beruf des Schuhmachers ist allerdings noch einige Male in Groß-Kniegnitz vertreten gewesen. So sind in den „Auszügen aus dem Standesamtsregister der Gemeinde Groß-Kniegnitz von 1874 bis 1877“, zusammengestellt von unserem Heimatfreund Paul Werner aus Düsseldorf, noch folgende 5 Hinweise auf Schuhmacher festzustellen:

•  Gottfried Schlegel,

•  Ernst Friedrich Burkert,

•  Gottfried Krause,

•  Ernst Fritz Wilhelm Nowak,

•  Karl Krause.

Übrigens, die Anrede „Herr Meister“ war damals selbstverständlich!

Vom Berufe des Schuhmachers zu berichten und all diejenigen noch einmal in Wort und Bild festzuhalten, die in Beziehung standen zum Beruf des Schuhmachers, das war Sinn und Zweck dieses Berichtes.

Herzlich danke ich Frau Elli Moser, geb. Lüthi, die heute fernab von uns in der Schweiz lebt, sowie Frau Hildegard Wende und Frau Elisabeth Zaplotny, die mir halfen, diesen Bericht zu erstellen.

 

Wilfried Urbach